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Religiöse Pluralität in drei Europäischen Ländern

Durchgeführt wurde das vergleichende Projekt von Prof. Dr. Volkhard Krech (CERES, Ruhr-Universität Bochum) gemeinsam mit dem Finnischen Kirchenhistoriker Dr. Kimmo Ketola (Evangelisch-Lutherische Kirche Finnlands) und Prof. Dr. Marjan Smrke der Universität von Ljubljana, Slowenien.

HINTERGRUND UND FORSCHUNGSRAHMEN 

Das Forschungsprojekt ist aus der intensiven akademischen Debatte zu religiöser Diversität und ihren Konsequenzen hervorgegangen. Einerseits gibt es die Ansicht, dass ansteigender Religionspluralismus zu einer größeren Säkularisierung führen könnte, da religiöse Diversität angeblich zur Dekonstruktion religiöser Wahrheitsansprüche einiger Religionen führe. Andererseits argumentieren andere Wissenschaftler, dass religiöse Diversität zu einem Anstieg religiöser Lebendigkeit führe: der ‚religiöse Markt‘ folge dabei der gleichen Logik wie andere Märkte, ein erhöhtes Angebot führe zu einer höheren religiösen Nachfrage. 
Dieser Diskurs verlangte nach empirischen Forschungsprojekten und führte zu dem hier unternommenen Vergleich von drei Europäischen Ländern: Deutschland, Finnland und Slowenien. 

METHODISCHE VORGEHENSWEISE

In jedem Land wurde das religiöse Angebot durch eine weitreichende Vermessung religiöser Organisationen innerhalb eines städtischen und eines ländlichen Gebiets erkundet. Somit konnten die Unterschiede zwischen den verschiedenen Ländern, aber auch zwischen Stadt und Land in den jeweiligen Ländern, herausgearbeitet werden. Erste Ergebnisse waren hierbei beispielweise, dass Deutschland im Vergleich religiös sehr vielfältig ist, während die religiöse Landschaft Sloweniens eher homogen ist. In allen Ländern war Migration der Hauptgrund für den Anstieg religiöser Diversität, obwohl auch die Diversifikation des Christentums sowie das Aufkommen neuer religiöser Bewegungen maßgeblich zu einem Anstieg religiöser Diversität beitrugen. 

Als zweiter Schritt wurden in den ausgewählten  Gebieten Telefonumfragen durchgeführt, um die religiösen und sozialen Ansichten der Bewohner zu vermessen. Für jedes städtische und ländliche Gebiet wurden dabei jeweils 1.500 Befragte ausgewählt, insgesamt wurden also 9.000 Menschen befragt. 

AUSWIRKUNGEN VON RELIGIÖSER DIVERSITÄT AUF DIE RELIGIÖSITÄT DER MENSCHEN

Scheinbar hatte religiöse Pluralität in der direkten Umgebung eher weniger Einfluss darauf, wie zentral Religion im Leben der Befragten war. Trotzdem stieg die Bedeutung von Religion an, je mehr persönliche Begegnungen die Befragten mit anderen Religionen bzw. religiösen Alternativen hatten. Diese Ergebnisse weisen darauf hin, dass die geschätzte Auswirkung von religiöser Diversität – als Charakteristikum des persönlichen Umfeld betrachtet – in den vergangenen Debatten überschätzt wurde. Wird religiöse Diversität jedoch auf einer persönlichen Ebene erlebt, scheint diese einen positiven Effekt auf die Religiosität von Individuen zu haben. 

AUSWIRKUNGEN VON RELIGIÖSER DIVERSITÄT AUF GESELLSCHAFTLICHE WERTE

Ein weiteres Ziel des Projekts war es, herauszufinden, inwiefern religiöse Diversität die gesellschaftliche Wahrnehmung von Menschen beeinflusst, zum Beispiel wurde die Einstellung gegenüber Immigranten untersucht. Die Verbindung von religiöser Diversität und Xenophobie war von besonderem Interesse, da religiöse Diversität und Immigration in Europa oftmals eng zusammenhängen, auch wenn sie lediglich verschiedene Aspekte eines weitaus heterogenen sozialen Kontexts darstellen. Die Ergebnisse der Studie deuten an, dass ein religiös vielfältiges Umfeld nicht per se Fremdenfeindlichkeit beeinflusst, persönliche Begegnungen mit verschiedenen religiösen Alternativen sogar eine steigende Toleranz hervorbringen. Je mehr die Befragten diese Kontakte hatten, desto weniger wahrscheinlich waren die Entwicklung ausländerfeindlicher Ansichten. Daraus lässt sich schließen, dass persönliche Erfahrungen mit religiöser Vielfalt eine geschlossene soziale Kraft erzeugen, die Toleranz begünstigt. Das weist darauf hin, dass gesellschaftliche Ordnungen, die interreligiösen Kontakt hervorbringen, in Bezug auf gesellschaftliche Harmonie äußerst wünschenswert wären. Persönliche Begegnungen mit verschiedenen religiösen Alternativen scheinen Religiosität und gesellschaftliche Einstellungen zu beeinflussen. 

Eine alternative Interpretation der Ergebnisse könnte deshalb sein, dass die Auswirkungen religiöser Pluralisierung in vollem Umfang in Europa noch kommen werden, da ansteigende Diversität sehr wahrscheinlich einen langfristigen Anstieg persönlicher Kontakte begünstigt. Je mehr Europäer religiöser Vielfalt auf persönlicher Ebene begegnen, desto größer werden die Auswirkungen bezüglich ihrer religiösen und sozialen Einstellungen sein. 

AUSGEWÄHLTE VERÖFFENTLICHUNGEN

  • Krech, V. et al. (2013): "Religious Diversity and Religious Vitality: New Measuring Strategies and Empirical Evidence." Interdisciplinary Journal of Research on Religion, 9, Article 3.
  • Hero, M. & Krech V. (2012): "Religiöse Pluralisierung im Drei-Länder-Vergleich: Religiöse und zivilgesellschaftliche Konsequenzen." in: Detlef Pollack, Hans-Georg Ziebertz & Ingrid Tucci (ed.): Religiöser Pluralismus im Fokus quantitativer Sozialforschung, Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften 2012, 135-156.
  • Hero, M. & Krech, V. (2010): "Religiöse Pluralisierung in Deutschland. Empirische Befunde und systematische Überlegungen." in: Pickel, G. & Sammet, K. (ed.): Religion und Religiosität in Deutschland seit der Wiedervereinigung. 20 Jahre danach, Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, 27-42.
  • Hero, M. (2008): "Religious Pluralisation and Institutional Change. The Case of the New Religious Scene in Germany." Journal of Religion in Europe, 2, 201-227.
  • Krech, V. (2009): "What are the impacts of religious diversity? A review of the methodological considerations and empirical findings of a research project on religious pluralisation in North Rhine-Westphalia, Germany." Religion, 39, 132–146.
  • Ketola, K. (2007): "Spiritual Revolution in Finland? Evidence from surveys and the rates of emergence of new religious and spiritual organizations." Nordic Journal of Religion and Society, 20 (1), 29-40.
  • Ketola, K. (2008): Uskonnot Suomessa 2008: Käsikirja uskontoihin ja uskonnollistaustaisiin liikkeisiin [Religions in Finland 2008: Handbook of religions and religious movements]. Tampere: Kirkon tutkimuskeskus.