Formen der Religionsvermessung

Die Darstellung bzw. Vermessung von Religion mithilfe von Landkarten ist eine übliche Vorgehensweise seit den frühen Tagen politischer und sozialer Kartographie. Das Aussehen heutiger religiöser Landkarten kann bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts zurückverfolgt werden, also in den Hochzeiten der Kolonialisierung, als Europäische und US-amerikanische Kartographen diese territorialen Landkarten herstellten. Sie teilten die Weltkarte in verschiedenfarbige Zonen ein, wobei jede Farbe eine Religion repräsentierte. 

Teilung der Weltkarte in religiöse Territorien 

Die Darstellung der Religionen in unterschiedlichen Territorien hat eine starke visuelle Aussagekraft: Die Welt ist in verschiedene, klar voneinander zu trennende Bereiche geteilt, die jeweils eine Konfession darstellen. Auf diese Weise überwinden diese Weltkarten der Religionen normalübliche Formen der Visualisierung politischer Weltkarten, die sich meist an politischen Grenzen orientieren. Trotzdem fallen diese Formen der Visualisierung oftmals zusammen; Europa und die USA erscheinen als christliche Territorien, während der Indische Subkontinent durch Hindu-Religionen geprägt ist. 

  • Karte 1: Territoriale Verbreitung von Religionen nach Ländern

Bei dieser Form ist es verbreitet, die vorherrschende sowie auch untergeordnete Strömungen und Gruppen einzelner Religionen darzustellen. Bei manchen Karten wird diese Unterteilung mithilfe verschiedener Farben einer Farbfamilie dargestellt. Oder die Untergruppen einer Weltreligion werden durch Streifen oder andere Markierungen kenntlich gemacht. Bei Deutschland beispielsweise würde sich die Darstellung des protestantischen Nordens vom katholischen Süden durch Streifen unterscheiden. 

Religiöse Vermessung und das begrenzte „Westfälische System“

Auch wenn die Verbreitung von Religionen unabhängig von staatlichen Grenzen mithilfe solcher Karten darstellbar wird, hat dieses Modell doch seine Grenzen und Einschränkungen. Denn hier wird nur dargestellt, welcher Glaubenspraxis die Mehrheit der Bevölkerung nachgeht. Religiöse Minoritäten wie beispielsweise Juden in Europa oder die Bahai im mittleren Osten werden kaum abgebildet. Kurz gesagt folgt diese Art der Visualisierung dem frühneuzeitlichen Motto cuius region eius religio, das besagt, dass der herrschende Fürst eines Landes die Bestimmungsvollmacht über die herrschende Religion hat. 

Erklärung von Weltpolitik durch religiöse Blöcke

Die Darstellung der Weltreligionen als in sich geschlossene Einheiten erlangte ihren Höhepunkt in der Arbeit und Theorie des Politikwissenschaftlers Samuel P. Huntington. In seiner bekannten und einflussreichen Arbeit Kampf der Kulturen (1996) stellt Huntington die These auf, dass nach dem Fall der Berliner Mauer zukünftig religiöse und kulturelle Identitäten der Menschen die primäre Konfliktquelle sein werden. Um diese Behauptung visuell zu untermauern, erstellte er eine Weltkarte mit Zivilisationsblöcken, wobei jeder Block von einer unterschiedlichen Religion oder religiösen Untergruppierung beeinflusst ist. 

  • Karte 2: Huntingtons Kampf der Kulturen (1996)

Huntingtons Art der Darstellung vereinfacht sogar noch die territoriale Darstellung von Religionen und zielt darauf ab, ein geopolitisches System von Machtverhältnissen, auch in Verbindung mit Religion, aufzubauen. Diese Art hat jedoch kaum etwas mit weltreligiöser Realität zu tun. 

Von der Vermessung von Religionen zur Vermessung religiöser Diversität

Traditionelle Karten stellen kaum religiöse Differenzen in einem Territorium dar. Religiöse Pluralität wird eher in Blöcken dargestellt, wobei kleinere Religionen mit Minoritätsstatus ganz einfach verschwinden. Als ersten Schritt, um diesem Problem zu begegnen, haben die Forscher des CERES der Ruhr-Universität Bochum eine Weltkarte erstellt, die religiöse Diversität darstellt.

  • Karte 3: CERES Karte religiöser Diversität

Der Vorteil dieser Karte ist, dass fernab der herrschenden Religion eines Landes trotzdem religiöse Diversität darstellbar ist. Während beispielsweise die USA und die Niederlande in traditionelle Karten als rein christlich abgebildet werden, offenbart die Karte religiöser Diversität diese Länder als hochgradig vielfältig, mit einer Vielzahl unterschiedlicher Religionen, die nebeneinander und miteinander leben. Durch die farbige Markierung nach Diversitätsindex können Betrachter ganz einfach unterschiedliche Länder aufgrund ihres Grades an religiöser Vielfalt miteinander in Verbindung bringen.

Die Zukunft der Vermessung von religiöser Vielfalt

Trotzdem ist die Aufzeichnung und Darstellung religiöser Vielfalt nur der Anfang, um traditionelle Modelle der Religionsdarstellung zu überwinden. Weitere Schritte müssen folgen. Viele Herausforderungen in der Visualisierung von Religionsvielfalt auf einer Weltkarte sind ähnlich zu anderen sozialen und ökonomischen Indices wie Einkommen, Fertilitäts- und Analphabetenrate. Die Darstellung folgt hier jeweils totalen Zahlen, bei denen territoriale Unterschiede innerhalb eines Staates nicht eingeschlossen sind. 
Für eine zukünftige interaktive Weltkarte sollten die folgenden Daten einbezogen werden:

  • Lokale, nationale und globale Daten über religiöse Zugehörigkeit
  • Der Index religiöser Vielfalt nach Ländern
  • Selbstbestimmte Religiosität oder (fehlende) Bedeutung von Religion nach Ländern
  • Unterschiede zwischen Religionen und ihren innerreligiösen Traditionen und Gruppierungen

Neuartige Darstellungsformen wie beispielsweise die Punktdichte, die von Bill Rankin für Daten des US Census benutzt wurden, eröffnen neue Möglichkeiten bei diesem Projekt. Trotzdem muss bis dahin neues Datenmaterial gesammelt werden. Auch die bestehenden Daten verlangen nach einer Überarbeitung.