Methodik

Religionskriterien auf dem Prüfstand

Es gibt keine allgemein anerkannten Kriterien zu Bestimmung von „Religion“ – hier beginnen bereits die Definitionsprobleme. Das Selbstverständnis der jeweiligen religiösen Gruppierung könnte ein Anhaltspunkt sein, wobei auch dies nicht immer zutrifft. Ein Beispiel: die freien und geltenden Maurer der Johannes Loge mit ihren drei Graden (Lehrling, Geselle und Meister) bezeichnet sich selbst nicht als religiöse Gemeinschaft. Oder, um genauer zu sein, nicht alle Freimaurer sehen sich auf diese Weise. Trotzdem zeigen zeremonielle Handlungen in den höheren Graden alle Merkmale religiöser Rituale, was für eine Bestimmung als religiöse Gruppierung spricht. In jedem der drei Grade sind religiöse Elemente dermaßen vorherrschend, beispielsweise in ihren Referenzen zu einem heiligen Text (normalerweise die Bibel), dass viele Religionswissenschaftler Freimaurer als religiöse Gemeinschaft definieren. Das ist jedoch die Sicht von außen. 

In dem Versuch, Überlegungen wie diese einzubeziehen, haben wir die Freimaurer in einer Spalte zu religiösen und philosophischen Gruppen eingeordnet. Dies bezieht sich auch auf viele andere Gruppen: hat die „Transzendentale Meditation“ religiösen oder philosophischen Charakter? Werden Scientologen durch religiöse Praktiken oder eher, wie Kritiker annehmen, durch ökonomische Interessen geleitet? Ist Anthroposophie eine philosophische Bewegung, wie die Anhänger behaupten, oder handelt es sich hier um eine religiöse Gemeinschaft, die nach der Anerkennung des Göttlichen und der Ausgrenzung durch Reincarnation strebt? Wir haben uns Fall für Fall entschieden, anstatt generalisierende Urteile zu fällen. 

Hier stellt sich natürlich die Frage nach willkürlichen und widersprüchlichen Zuordnungen. Wir sind uns dessen bewusst, legen deshalb unsere Auswahlkriterien offen und laden zu Diskussionen ein.

Das Problem der Mitgliederzahlen

Ein zusätzliches Problem bezieht sich auf die Mitgliederzahlen. Solange es Registrierungsprozesse in Kirchen und religiösen Gruppierungen gibt, bietet die Mitgliederzahl der Registrierten eine gute Grundlage, wie beispielsweise in den großen Kirchen. Wie aber sollen Mitglieder gezählt werden, die niemals anwesend sind? Oder die kleinere Gruppe von Menschen, die sich in einer großen Kirchengemeinde engagieren, aber keine formalen Mitglieder sind? In Bezug auf Muslime wird alles noch komplizierter, denn hier gibt es keine formale Mitgliedschaft. Zwar könnte man die Anhänger dazuzählen, die an Gebetsritualen teilnehmen, aber hier partizipieren nur Anhänger, die nicht auf die Arbeit gehen müssen. Eine größere Gruppe bilden die Anhänger, die in den Ferien teilnehmen, aber hier fehlen meist die Frauen. In diesem Bereich fällt die Erhebung übrigens besonders schwer, denn Frauen befinden sich während der Messe in separaten Räumen und werden oftmals nicht in die Besuchszahlen einbezogen, Kinder werden nicht einmal in Betracht gezogen. Und wie ist es mit esoterischen Bewegungen, bei denen die Mitglieder nur locker verbunden sind und die eine hohe Fluktuationsrate haben? Wie sollen wir mit „Hybriden“ umgehen – Menschen, die eine Reihe von religiösen Traditionen miteinander kombinieren und sich verschiedenen Gruppen verbunden fühlen – sogar doppelte Mitgliedschaften haben? Auch in diesen Fällen gilt, dass es keine allumfassenden Kriterien gibt. Entscheidungen werden getroffen, die entsprechenden Richtlinien werden offengelegt und diskutiert. 

Mit diesen Punkten im Hinterkopf sind die entstanden Karten über religiöse Diversität eine Darstellung, die durch einige vorhergehende Entscheidungen abgewogen wurde.